Nordrhein-Westfalen-Tag 2008

Ende August findet der Nordrhein-Westfalen-Tag zum zweiten Mal, diesmal in Wuppertal, statt. Das u.a. von RWE und Deutscher Bank gesponserte Megaevent soll 600.000 Besucher, Kunden und Investoren ins Tal locken.

Zu diesem Anlass laden wir zu einem widerständigen Festwochenende in die nicht immer ganz so idylische bergische Metropole ein, das gespickt mit Protestkundgebungen, Demonstrationen, sportlichen Aktivitäten, Konzerten und vielem mehr den Marketingmanagern der Stadt hoffentlich in guter Erinnerung bleiben wird. Als Reaktion auf die Zerschlagung der diesjährigen autonomen 1. Mai Demonstration, bei der 200 Menschen festgenommen wurden und es zum Teil zu massiven Körperverletzungen seitens der eingesetzten Polizist_innen kam, rufen wir zu einem Fest von unten auf: Bunt und lautstark, fröhlich und scharfkantig, kapuzenautonom, pink & silver, clownesk, widerspenstig, solidarisch, antimilitaristisch und sozialrevolutionär.

Kommt am 29. August mit vielen Freund_innen und Genossen_innen ins Wuppertal, lasst euch kreative Aktionen einfallen und feiert mit uns gegen den Standort und für eine Stadt, in der alle Platz haben. Platz zum Campen wird es auf verschiedenen städtischen Grünflächen reichlich geben, bring dafür alles nötige wie Zelte, Matratzen etc. mit. Für Verpflegung wird gesorgt sein.

„Ein solches Fest braucht natürlich starke Partner aus der Wirtschaft, die sich zu ihrer Region, dem Land und seinen Menschen bekennen. Ich freue mich, dass auch viele Firmen die Chance nutzen, die Institution ‚Nordrhein-Westfalen-Tag‘ zu einem besonderen Ereignis zu machen.“ meint Jürgen Rüttgers zum NRW-Tag. Um sie zu Überzeugen, malt die „Wuppertal Marketing GmbH“ die Stadt in den schillerndsten Farben. Das Motto: »Wuppertal bewegt. Sich. Mich. Dich.« Ob die Menschen überhaupt Lust haben sich von Wuppertal bewegen zu lassen, ist den Verantwortlichen der Stadt und des Landes reichlich egal. Sie schreiten allerdings da mit massiver Gewalt ein, wo sich Menschen dazu entschließen, sich frei und ohne Absprache mit den örtlichen Kontrollbehörden durch ihre Wohnviertel zu bewegen oder Feste zu feiern. Das ist wiederum uns egal! Wir lassen uns nicht von ernannten Repräsentanten des Staates vorschreiben wie wir uns wo aufzuhalten haben! Die Stadt denen die dort leben.

(…) Sowohl für die Stadt Wuppertal als auch für das gesamte Bergische Land beinhaltet der Nordrhein-Westfalen-Tag die einzigartige Chance, die Vielfalt und Stärken der Region bundesweit zu präsentieren. (OB Jung)

Bei soviel Stärke am „Standort starker Marken und Global Player“ (offizielles Programmkonzept) ist es kaum erstaunlich, wenn die Schwachen aus dem Blickfeld oder sogar unter die Räder geraten. Denn Wuppertal ist nicht nur Schwebebahn, Aspirin, Technologiezentrum und Hightech-Unternehmen, wie die Marketinger gerne glauben machen wollen: Wuppertal sind auch die 45.000 Hartz IV-Bezieher_innen ohne Perspektiven und mit zu wenig Geld Kinder ohne Schulmittagessen; Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis; Punks, die aus der Innenstadt vertrieben werden; Migranten, die von der Polizei schikaniert und verprügelt werden; Demonstrationen, die gewaltsam aufgelöst werden; Studierende, die vor den Studiengebühren kapitulieren…

„Alles was gut ist für den Standort Wuppertal, ist auch gut für die arbeitsuchenden Menschen in dieser Stadt“, findet der Wuppertaler ARGE-Leiter Thomas Lenz. Er muss es ja wissen, schließlich sind es seine Hilfssherriffs die auf ihren Schnüffeltouren durch die Wohnungen von Hartz IV-Empfänger_innen herausfinden sollen, was gut für diese Menschen zu sein hat. „Das ist genau unser Thema: Aufräumen mit alten Klischees, Ärmel hochkrempeln und etwas bewegen“.

Nur ist es nicht Thomas Lenz, der die Ärmel hochkrempeln muss, sondern die Wuppertaler 1¤-Jobber_innen; die haben für ein tolles Standort-Image „Geländer entrostet und gestrichen, Zuwege instand gesetzt und einen Großparkplatz für auswärtige Besucher hergerichtet, damit sich Wuppertal von seiner besten Seite zeigen kann“. Natürlich unterbezahlt, ungesichert und oft auch unfreiwillig. Die moderne Form der Frondienste.

„Die ARGE Wuppertal betreut über 350 Projekte und bietet in Kooperation mit ihren Partnern insgesamt über 18.000 Qualifizierungsplätze an. Das Thema Ausbildung junger Menschen ist dabei von zentraler Bedeutung, wie beispielsweise das Projekt ‚Jugendperspektive‘ zeigt.“

Um zu zeigen, wie die „Perspektiven dieser jung-dynamischen Wuppertaler_innen“ aussehen könnten, wird auch die Bundeswehr auf der „technischen Meile“ in Barmen einen Rekrutierungswagen auffahren. Schon seit geraumer Zeit versucht die deutsche Armee bundesweit und in trauter Zusammenarbeit mit den Arbeitsagenturen, die „Überflussbevölkerung“ zum Militärdienst zu überreden. Die Hochglanz-Werbebroschüren versprechen Abenteuer und Kameradschaft; wohlweislich totgeschwiegen wird das militärische Alltagsgeschäft samt seiner traumatischer Folgen für junge Naivlinge oder Möchtegern-Rambos.

Am 29. August um 16 Uhr veranstalten mehrere verschiedene Gruppen und Initiativen vor der Stadthalle ein Tribunal zur menschenverachtenden Politik der Regierung mit einer Kundgebung, Musik und vielen kreativen Aktionen zur Begrüßung für die anreisenden Politiker_innen. Anschließend findet um ca. 20 Uhr ein Konzert vor der Polizeiwache am Döppersberg gegen Polizeigewalt und Staatswillkür mit lokalen und überregionalen Bands (u.a. Capito Si, Compania Bataclan, Simple Tings, S1R und Microphone Mafia) statt. Die Nacht beginnen wir mit einem Demozug gegen Polizeigewalt und Repression. Am nächsten Tag geht es mit einem transbergischen Stadtrundgang der besonderen Art zu den Themen „Freiräume“ und „Polizeigewalt“ um 12 Uhr in der Elberfelder Innenstadt (Treffpunkt vor den City Arkaden) los. Danach finden an verschiedenen Orten der Stadt kreative Aktionen und Kundgebungen zu unterschiedlichsten Themen statt.

Also: Kommt am 29. – 31.8. zahlreich ins Tal und bringt euch mit euren kreativen Ideen und eurem Thema ein.